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Arztkram und Käsekuchentourismus

Es ist kurz nach 7, als ich zaghaft die Arztpraxis betrete. Aber ich will es endlich hinter mich bringen. Seit 5 in der Früh habe ich mich im Bett herumgewälzt. Dann noch schnell ein paar zusätzliche Sachen gepackt- man weiß ja nie. Ein bisschen Unterwäsche, bequeme Klamotten, Lieblingskuscheltier. Nur für den Fall. Ich habe hier ja niemanden, den ich anrufen kann: “Kannst du mir mal ein paar Sachen ins Krankenhaus bringen?” Lieber schon mal vorsorgen, man weiß nie was kommt.

Die Frau bei der Anmeldung will Eckdaten wissen. Adresse, Telefonnummer, Arbeitgeber. “Arbeitgeber?” frage ich nochmal nach. Sie nickt bestätigend. Zögerlich nenne ich ihr den Namen der Firma. “Aaah, ist das nicht beim […]?” Sogar den Namen meines Chefs kennt sie. Ich nicke. Sie bittet mich im Wartezimmer Platz zu nehmen. Eine Stunde später sitze ich nervös wie sonstwas im Behandlungsraum. Der Arzt kommt hereingeschneit, kurze Begrüßung. “Um was geht es denn?” will er wissen. “Ich habe da eine Brandverletzung am Unterarm. Ich bin mir nicht sicher ob das normal ist, so wie das aussieht.” – “Wann war das?” – “Ich weiß nicht mehr genau. Montag oder Dienstag glaube ich.”- “Und wie ist das passiert?” Ich nenne ihm kurz meine Untensilien. “Was?!” – “Ich habe mich selbst verletzt”- “Oh. Okay, dann zeig mal her.” Ich ziehe meinen Pulli aus. Er mustert meine Arme. “Warst das alles du?” will er wissen. Ich nicke. “Wie lange machst du das schon?” – “Fast 10 Jahre” antworte ich und suche das Ende des Verbandes, um ihn abzuwickeln. Doch der Arzt greift schnell zur Verbandschere. “Ahja, da hat wohl jemand das bessere Werkzeug. Sollte ich mir wohl auch zulegen!” versuche ich etwas Humor in die unangenehme Situation zu bringen. Damit ist das Eis gebrochen und auch er wird entspannter. “Wenn du das schon so lange machst, warst du aber sicher auch mal beim Nervenarzt, oder?” – “Ja”- “Was hat der für eine Diagnose gestellt?” – “Borderline”- “Ahja, das dachte ich mir schon!” sagt er und tippt in seinen Computer: “hat Borderline-Störung”. “Das bist du zwar bestimmt schon 100 Mal gefragt worden, aber: Warum machst du das?” – “Hauptsächlich zum Spannungsabbau und zur Emotionsregulation” – “Bei dir in der Arbeit weiß das aber keiner, oder?” – “Nein. Die wissen nur, dass ich das mal gemacht habe, das ist ja schließlich schwer zu übersehen.” – “Ja, klar, sonst müsstest du ja den ganzen Sommer langärmlig rumlaufen”.

Er nimmt die Wunde in Augenschein. “Sieht soweit ganz gut aus, ich schick dir gleich jemanden rein, der das neu verbindet, dann brauchst du nicht damit quer durchs Wartezimmer in den anderen Behandlungsraum laufen, das müssen ja nicht alle sehen.” Er deutet auf die Reste meines Verbandes, die auf dem Tisch liegen. “Hast du davon noch ausreichend?” – “Ja, habe ich alles noch daheim, nur die Wundauflagen sind mir ausgegangen, aber da hol ich mir einfach wieder welche aus der Apotheke.” – “Ich geb dir auch ein paar mit, und ich schreib dir noch […] auf. Das ist so ein Netz, damit die Tupfer nicht so festkleben. Und schau, dass du so etwas in Zukunft bleiben lässt, ja?” – “Das Gemeine ist, es funktioniert so gut!” – “Ich weiß, das ist wie beim Alkoholiker, der sich Abends das Bier aus dem Kühlschrank holt. Du holst dir halt das Messer, die Klingen oder was auch immer.” – “So hat jeder seinen Vogel!”  Er lacht.  “Ja, jeder hat seinen Vogel, aber such dir bitte einen Harmloseren!” Wir verabschieden uns, er schließt schnell die Türe, damit mich niemand sehen kann.

Kurze Zeit später kommt die Frau von der Anmeldung herein, die ebenso schnell die Türe wieder schließt- offenbar hat der Arzt sie eingeweiht. Nach einem “Oh” und einem etwas erschrockenen Gesicht hat sie sich schnell wieder gefangen und macht sich an die Arbeit. Sie holt eine Flasche mit einer Flüssigkeit. “Das ist Wasserstoff, damit mache ich die Wunde ein bisschen sauber.” erklärt sie. “Tut das weh?”  frage ich sicherheitshalber. Seit diesem Vorfall bin ich äußerst skeptisch, wenn mir jemand irgendwelche Flüssigkeiten über meine Wunden kippen will. “Nein” erklärt sie, und keine Sekunde später habe ich das Zeug auf meinem Arm. Und: Es tut weh. Zwar nicht so, dass es nicht auszuhalten wäre, aber es tut weh, und ich frage mich einmal mehr, warum man mir sowas nicht einfach sagen kann? Ist doch nichts dabei wenn man sagt: “Ja, das kann jetzt kurz ein bisschen brennen”?

Egal, es ist ja nach ein paar Sekunden wieder vorbei, Wundauflagen drauf und die Frau greift in ihre Trickkiste und zieht eine Arzt Netzstrumpf hervor, nur dass dieser nicht rot oder schwarz sondern weiß ist und das Netz irgendwie anders gewebt ist. “Das ist total praktisch, das kann man wiederverwenden!” erklärt sie mir. “Hol dir das Rezept dann vorne bei mir!” sagt sie und verlässt den Raum. Nachdem ich mich angezogen habe, hole ich mir das Rezept für die Anti-Klebe-Netze.

Eine halbe Stunde später bin ich am Bahnhof und schreibe Blacky eine SMS: “Bin noch auf freiem Fuß! Jetzt kann fast nichts mehr schiefgehen!” – “Super, freut mich! Ich fahre dann auch bald los!” Trotzdem vergehen noch mehrere Stunden, die er im Auto verbringt bzw. ich im Zug verbringe. Wir haben uns in einer bayrischen Stadt verabredet, bis zu der wir beide ungefähr gleich lang fahren. Er ist vor mir da und erwartet mich schon am Bahnsteig. Auch wenn es noch gar nicht so lange her ist, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben- es kommt mir vor wie eine Ewigkeit und es ist schön, ihn wieder umarmen zu können. Da er in einer Kurzparkzone steht, beschließen wir, uns einen vernünftigen Parkplatz zu suchen. Das stellt sich aber als Schwierigkeit heraus, denn die Idee, in dieser Stadt einen Weihnachtsmarkt zu besuchen, haben offenbar nicht nur wir. Alle Parkhäuser im Stadtzentrum sind voll, schließlich finden wir etwas außerhalb eines und schlagen uns zu Fuß in die Altstadt durch. Dabei fällt uns die außerordentlich hohe Menge an ansäßigen Psychotherapeuten und Psychologen auf- auf unserer Tour durch die Stadt finden wir mindestens 10 entsprechende Schilder neben Eingangstüren. “Sie verfolgen uns….!” sage ich irgendwann zu Blacky.

Nachdem wir mehrere Stunden kreuz und quer durch die Stadt gelatscht sind und über Gott und die Welt geredet haben, landen wir in einem kleinen Restaurant für ein verspätetes Mittagessen. Dort entdecke ich in einer Kuchenvitrine Käsekuchen. Ich muss gestehen: Ich bin hoffnungslos käsekuchensüchtig. In Österreich ist der kaum zu bekommen, wenn ich also in Deutschland unterwegs bin, ist Käsekuchen Pflicht. “Booooooah…die haben Käsekuchen!” sage ich zu Blacky. Wenn ich den nur vor den Nudeln gesehen hätte. “Nimm dir doch einen mit! In den meisten Supermärkten gibt es die tiefgekühlt, wir können uns dann am Bahnhof umsehen!” Wir zahlen und gehen zurück zum Bahnhof, um uns auf die Suche nach Käsekuchen zu machen. Und tatsächlich werden wir fündig. “Ich glaube ich muss öfter mal herkommen! Ich werde zur Käsekuchentouristin!” sage ich, während ich meine Beute im Rucksack verstaue.

7 Stunden sind viel zu schnell vergangen, es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Diesmal für länger, denn Blacky steht am Anfang des nächsten Jahres eine Operation bevor, die ihn längere Zeit außer Gefecht setzen wird. Vermutlich werden wir uns erst im Sommer wiedersehen können. Und wieder denke ich: “Eigentlich ist es ungerecht, dass wir so weit auseinander wohnen.”.

Nach einer mehrstündigen Zugfahrt komme ich dann spätabends wieder am Bahnhof an. Eigentlich wollte ich im Zug schlafen, aber ich konnte nicht wegen den Schmerzen im Arm. Wenn es mir schlecht geht, stören mich die Schmerzen nicht- aber wenn es mir gut geht, sind sie unangenehm. Mit dem Auto fahre ich zurück ins Kaff.

Und jetzt sitze ich hier. Nebenan ist gerade mal wieder eine Party in voller Lautstärke am Laufen. Dann habe ich wenigstens, einen Grund mehr, an meine Medikamenten-Vorräte zu gehen. Ich werde heute beim Schlafen wohl ein bisschen nachhelfen, weil ich befürchte, dass mir die Schmerzen sonst einen Strich durch die Rechnung machen. Schmerzmittel habe ich keine da (und es wäre mir ja auch irgendwo peinlich, wegen einer Selbstverletzung Schmerzmittel zu nehmen), also einfach ein bisschen was zum müde machen, dann gaaaaanz lange schlafen und morgen Käsekuchen frühstücken. So wirds gemacht! 🙂

2 comments on “Arztkram und Käsekuchentourismus

  1. Schön, dass du zum Arzt gegangen bist und ein schönes treffen hattest. Gute Nacht. ♡

  2. Zum Glück warst du beim Arzt! Und der klingt ja recht sympathisch.

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