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Themenfreitag #9- Dissoziation

So, etwas verspätet den diesmonatigen Themenfreitagsbeitrag. Einerseits hatte ich dieses Thema schon länger im Auge, andererseits ist es für mich doch irgendwie eine sehr persönliche Sache.

Heute soll es mal um Dissoziation gehen, wie das bei mir aussieht und wie ich das so erlebe.

Ich dissoziiere eigentlich, seit ich denken kann. Als Kind habe ich mir in belastenden Situationen eingeredet, das würde nicht mir passieren, sondern jemand Anderem. Und es fühlte sich auch so an, als würde es jemand Anderem passieren. Irgend“etwas“ funktionierte ganz normal weiter- was auch notwendig war, denn alles andere hätte die Situation nur noch verschlimmert- aber es fühlte sich nicht an, als wäre es ich. Und für mich war und ist das ganz normal, ich kenne das nicht anders.

Wie wirkt sich das nun im Alltag aus? Normalerweise gar nicht. Komme ich aber in eine belastende oder stressige Situation, besonders im zwischenmenschlichen Bereich, beginne ich abzudriften. Jemand, der mich nicht gut geht, merkt das wahrscheinlich gar nicht, ich „funktioniere“ ganz normal weiter. Das Einzige, das vielleicht bemerkbar ist, ist, dass ich ziemlich zeitverzögert auf Ansprechen reagiere. Augenkontakt aufnehmen klappt auch nicht so wirklich. Ich wirke wahrscheinlich auf andere einfach nur ein bisschen abwesend.

Für mich persönlich ist der Zustand nicht unangenehm. Es ist einfacher, als die Situation aushalten zu müssen. Es fühlt sich ein bisschen an als würde man schweben. Der eigene Körper ist irgendwie fremd, teilweise verändert sich meine Wahrnehmung. Geräusche sind irgendwie gedämpft, die Farben werden blasser, als wäre um einen herum Nebel. Manchmal habe ich auch so ein „Hitzeflimmern“ vor den Augen (ohne dass irgendetwas in der Nähe wäre, dass das verursachen könnte). Oder es bewegen sich vor meinen Augen Dinge, die sich eigentlich gar nicht bewegen können. Hin und wieder funktioniert es auch mit dem Gleichgewicht nicht mehr so ganz. Aber das sind Dinge, mit denen man leben kann. Und wenn es vertraut ist und man das kennt, macht es einem auch keine Angst mehr.

Etwas störend ist, dass in diesem Zustand das Erinnerungsvermögen nicht richtig funktioniert. Ich tue dann mitunter Dinge und kann mich hinterher nicht mehr erinnern, sie getan zu haben. Bei manchen Dingen ist das nicht schlimm- ob ich die Waschmaschine eingeschalten habe oder nicht, ist irrelevant. Aber in manchen Bereichen hat das Auswirkungen. Vor einigen Wochen zum Beispiel kam ein Arbeitskollege zu mir und wollte wissen, ob ein Teil schon da wäre, er hätte mir vor einigen Wochen gesagt, ich solle das bestellen. Ich konnte mich nicht erinnern, dass er mir das überhaupt gesagt hatte, während er behauptete, er wäre sogar neben mir gestanden als ich mit der Firma telefoniert hatte. Ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Ich fand dann eine E-Mail, die ich der Firma nach dem Telefonat geschrieben hatte und die somit bewies, dass er mir tatsächlich gesagt hatte, dass ich dieses Teil bestellen soll. Doch ich konnte absolut nicht daran erinnern, obwohl das Datum der E-Mail gerade mal ein Monat zurücklag. Das „Ahja, verdammt, das hatte ich ganz vergessen!“- Erlebnis, das man normalerweise hat, wenn man Dinge vergisst und wieder daran erinnert wird, blieb aus. Ich hatte schon so eine gewisse Vermutung, die sich bestätigte, als ich mir den Blogeintrag des betreffenden Tages heraussuchte. Der Tag war hart an der Grenze des Aushaltbaren, kein Wunder, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann

Dann gibt es noch so eine Sache, die mich lange Zeit sehr verunsichert hat. Als ich ca. 12 oder 13 Jahre alt war, fing es an, dass ich begann, verschiedene „Anteile“ in mir wahrzunehmen. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, männliche Personen, weibliche Personen, mit verschiedenen Eigenschaften, Vorlieben und Aufgaben. Ich hatte Angst, dass ich total gestört bin und mir diese Anteile nur einrede. Ich schämte mich dafür, denn das war etwas, was eigentlich gar nicht sein dufte.

Mit 15 erhielt ich dann ja in der Psychiatrie die Diagnose dissoziative Identitätsstörung, obwohl ich die Anteile in mir dort nie erwähnt hatte. Zu dem Zeitpunkt war ich aber schon ziemlich davon überzeugt, dass ich keine dissoziative Identitätsstörung habe- es passte einfach zu viel nicht. Diese richtig krassen Erinnerungslücken im Alltag waren bei mir einfach nicht vorhanden. Somit musste ich mich auch mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass diese Anteile in mir gar nicht echt sind und ich sie nur Einbildung sind. Diese Vorstellung fand ich zugegebenerweise ziemlich schrecklich, denn das würde ja heißen, dass ich mich in belastenden Situationen auf etwas verlassen habe, das es gar nicht gibt. Und ich habe ja auch eine gewisse Bindung zu diesen Anteilen, und die Vorstellung, dass das nur Einbildung ist…ich fand das schrecklich.

Mit 17 Jahren erzählte ich meinem damaligen Therapeuten erstmals vorsichtig von den inneren Anteilen. Er schien aber gar nicht verwundert oder versuchte mir, das auszureden- im Gegenteil, er wollte viel darüber wissen, wer welche Aufgaben hat, wie alt die einzelnen Anteile sind, und so weiter. Das war für mich damals eine große Erleichterung, denn das nahm dem Ganzen irgendwie das „Verbotene“. Davor hatte ich immer das Gefühl, dass ich diese Anteile eigentlich gar nicht haben „darf“, denn ich habe ja keine DIS.

Mittlerweile habe ich auch mehrere Artikel über eine Theorie gefunden (strukturelle Dissoziation, falls es jemanden interessiert) die unter anderem zu dem Schluss kommt, dass es auch bei anderen psychischen Krankheiten zu dissoziierten Persönlichkeitsanteilen kommen kann, ohne dass das solche gravierenden Auswirkungen auf den Alltag hat wie bei einer dissoziativen Identitätsstörung.

Es beruhigt mich sehr zu wissen, dass das, was für die Gesellschaft „total verrückt“ ist, im Kreis der “Verrückten” doch wieder normal ist.

 

 

Der nächste Themenfreitag ist am 7. November

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