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Nächtlicher Horror

Ich bin mit Nadine wandern. Irgendwann zieht sie sich ihre Jacke aus. Ich erstarre. Ihre Arme sind vor lauter Narben fast nicht mehr als solche zu erkennen. Ich bin zutiefst schockiert, versuche aber cool zu bleiben. “Warum schneidest du dich?” frage ich sie und…

…ich wache auf. Bin erst mal verwirrt und orientierungslos. Langsam dämmert mir, dass alles nur ein Traum war. Dass ich nicht mit Nadine wandern war und dass sie sich nicht selbstverletzt.

Ja, dass Nadine sich selbstverletzen könnte, gehört zu meinen absoluten Horrorvorstellungen. Ich hätte immer das Gefühl, dass ich daran Schuld bin, weil ich ja als große Schwester eine Vorbildfunktion habe. Als sie in das Alter kam, in dem bei mir alles angefangen hat, habe ich sie genauestens beobachtet. Ihr Verhalten, was und wann sie isst, ob sie irgendwelche auffälligen Verletzungen hat. Zum Glück habe ich nie etwas entdeckt. Ja, vielleicht ist sie trotz allem, was passiert ist, “ganz normal”.

Ich hatte schon immer einen ausgeprägten Beschützerinstinkt ihr gegenüber. Ich habe versucht alles, was in der Familie passierte, von ihr fernzuhalten. Ich habe sie getröstet, wenn sie trotzdem mal etwas von der aufgeladenen Stimmung abbekam, was leider oft genug vorkam. Ich weiß nicht, wie oft ich sie heulend im Arm hatte. Ich habe immer versucht, die Große zu sein, die Starke zu sein, die, die trotz der Situation einen klaren Kopf behält und sagt, wie es weitergeht. Auch in einem Alter, in dem ich eigentlich jemanden Großen, Starken gebraucht hätte, der mir sagt was ich machen soll. Vielleicht war genau das der Fehler. Ich habe eine Rolle übernommen, für die ich viel zu jung war. Aber was hätte ich denn machen sollen? Sie ist doch meine Schwester. Ich konnte es nie ertragen, sie weinen zu sehen. Wenn sie lacht, geht für mich die Sonne auf.  Ich habe versucht sie zu verteidigen und mich für sie einzusetzen, wenn etwas vorfiel, von dem ich überzeugt war, dass es Unrecht ist. Ich habe versucht ihr Sicherheit zu geben und eine Schulter zum Anlehnen uns Ausheulen. Ich habe versucht ihr alles zu geben, was ich mir gewünscht habe.

Oft habe ich mir vorgestellt, wie wäre, einen großen Bruder oder eine große Schwester zu haben. Irgendwann habe ich mal bei meinen Babysachen und Fotoalben eine Art Tagebuch gefunden, das meine Mutter während ihrer Schwangerschaft und in meinem ersten Lebensjahr geschrieben hat. Doch das Buch begann nicht mit dem Moment, als meine Mutter erfahren hat, dass sie mit mir schwanger ist. Das Buch begann über ein halbes Jahr früher. Meine Mutter war schon einmal schwanger gewesen, doch sie hatte das Kind verloren. Ich dachte oft darüber nach, wie es wäre, wenn das Kind überlebt hätte. Wenn ich die kleine Schwester wäre und jemand da wäre, der sich schützend vor mich stellt, der mich verteidigt, zu dem ich immer gehen kann.

 

Manchmal frage ich mich, wie das alles für Nadine sein muss. Für mich ist es eine Horrorverstellung, dass sie sich selbst wehtut. Sie erlebt aber genau diesen Horror. Auch wenn sie noch ziemlich klein war als das anfing und sie sich wahrscheinlich gar nicht mehr daran erinnern kann, dass es mich auch mal ohne Narben auf den Armen gab- blöd ist sie ja auch nicht und mittlerweile weiß sie bestimmt, woher die Narben kommen. Ich weiß nicht, was ihr meine Eltern erzählt haben, als ich in der Psychiatrie war. All das war zwischen Nadine und mir nie Gesprächsthema. Ich möchte irgendwie nicht von mir aus damit anfangen, weil ich sie nicht damit belasten will. Auch wenn sie mittlerweile 16 Jahre alt ist, ist sie trotzdem noch meine “Kleine”. Sie selbst hat mich auch nie danach gefragt. Vielleicht ist das alles ja auch total unwichtig für sie und sie nimmt mich einfach so wie ich bin. Flausch meinte aber letztens zu dem Thema: “Hast du schon mal daran gedacht, dass sie sich vielleicht einfach nicht traut, dich zu fragen? Das ist ja doch eine sehr persönliche Sache, vielleicht hat sie einfach Angst, dass du dann sauer auf sie bist. Wenn es für dich kein Problem wäre, mit ihr darüber zu reden, sag ihr das doch einfach. Dann wirst du ja sehen, ob es für sie wirklich ganz normal ist, dass du so bist, oder ob sie sich doch ihre Gedanken dazu macht und Fragen dazu hat.” Bis mir Flausch das gesagt hatte, habe ich diese Möglichkeit eigentlich nie in Betracht gezogen. Nadine und ich reden ja sonst auch über alles miteinander. Andererseits könnte es ja durchaus so sein. Ich weiß nicht, ob ich sie mal darauf ansprechen soll…

 

 

 

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