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Zugfahrt

Mein Leben wäre irgendwie nicht mein Leben, wenn nichts passieren würde. Einfach in den Zug setzen und nach Hause fahren ohne erwähnenswerte Zwischenfälle? Ist nicht drin.

Ich fahre also mehr oder weniger pünktlich Richtung Bahnhof. Geplant ist wieder, dass ich das Auto dort stehenlasse und mit dem Zug nach Medan fahre. Ich komme  8 Minuten vor Zugabfahrt an. Schnell überprüfe ich beim Auto nochmal, ob ich wirklich alles Wichtige mitgenommen habe. Und es fehlt etwas. Meine Vorteilskarte für die Bahn, damit spare ich mir gut 20€ pro Strecke.

Da ich ungern 40€ mehr für mein Wochenende in Medan zahle, bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder ins Kaff zu fahren und dort die Karte zu suchen. Der nächste Zug geht eine Stunde später. Ich überschlage kurz im Kopf: 20 Minuten hin, 20 Minuten zurück. Bleiben also, mit ein bisschen Pufferzeit, 10 Minuten, in denen ich diese Karte finden muss. Ich verliere keine Zeit, setze mich ins Auto und fahre ins Kaff.

Zum Glück finde ich die Karte nach kurzer Suche in einem noch verschlossenen Umschlag der Bahn (kein Kommentar…). Die Sonne knallt vom Himmel, kaum Wolken, dementsprechend warm ist mir im langärmligen Shirt geworden. Dieses tausche ich dann noch schnell gegen ein T-Shirt (wobei ich mal wieder auf das Phänomen stoße, dass man das T-Shirt, das man gerade anziehen will, in mindestens 90% der Fälle nicht findet) , bevor ich mich ins  Auto setze und zurück zum Bahnhof fahre. Dort beginnt die Zeit wieder knapp zu werden, ich laufe, so gut das mit Rucksack und Reisetasche geht, zum Fahrkartenautomaten, kaufe mir meine Karte, und mache mich auf den Weg Richtung Bahnsteig. Dort halte ich vorsichtig nach dem Typen vom letzten Mal Ausschau, da ich ihn aber nirgendwo sehen kann, betrete ich den Bahnsteig und steige in den Zug, der kurze Zeit später einfährt.

Im Zug sehe ich mich erst mal mit mindestens 5 Augenpaaren konfrontiert, die mich teilweise leicht entsetzt anstarren. Da fällt mir auf, dass ich ja noch kurzärmlig unterwegs bin. Ich glaube, so schnell habe ich noch nie einen Pulli angezogen. Nach dem Winter muss ich mich immer erst daran gewöhnen, dass ich so auffalle. Als ich dann endlich im Pulli dasitze und sich die starrenden Leute wieder ihren Handys, Büchern und Zeitungen zugewandt haben kommt mir der Gedanke, ob ich überhaupt in den richtigen Zug gestiegen bin, darauf habe ich nämlich in dem ganzen Stress gar nicht geachtet. Es ist zum Glück der richtige, wie ich feststelle, als wir eine Viertelstunde später an einem größeren Bahnhof ankommen, wo ich den Intercity Richtung Medan besteige.

Glücklicherweise ist der nicht so voll wie letztes Mal- allerdings voll genug, dass ich mich erst gar nicht um einen Sitzplatz bemühe, sondern mich gleich auf die Stufen bei der Zugtüre setze und dort meinen Rubikswürfel löse. Bei einem Intercity, der alle 15-20 Minuten mal stehenbleibt, ist das ja auch nicht so schlimm, weil man nicht so oft aufstehen muss um den Ein- bzw. Ausgang freizumachen.Ich ziehe mir den Pulli wieder aus, da ich in der Sonne sitze und mir ziemlich warm ist.

Bei einer Haltestelle steigen 3 Jungs, ca. 13-14  Jahre alt, ein, denen ich zunächst wenig Beachtung schenke. Sie setzen sich auch auf den Boden, einer liest ein Buch, einer starrt in die Luft und der Dritte macht irgendetwas an seinem Handy. Schließlich kommt der Schaffner vorbei und schlägt den Jungs vor, sie könnten sich doch ins Stillabteil setzen. “Aber wenn eine Mutter kommt, die ihr Kind stillen will, müsst ihr raus.” Dann dreht er sich zu mir um: “Und Sie können sich natürlich auch reinsetzen!”. Ich folge also den 3 Jungs ins Stillabteil, setze mich dort ans Fenster und mache bei meinem Würfel weiter. Mir fällt auf, dass mich der Typ, der vorher nur am Boden gesessen  und in die Luft gestarrt hatte, ansieht. Ich gehe davon aus, dass er mir beim Lösen des Würfels zusieht und mache einfach weiter. Bei der übernächsten Haltestelle stehen die beiden anderen Jungs auf und verlassen das Abteil um auszusteigen. Ich bin also mit dem Verbliebenen alleine im Abteil.

“Hast du Mauer?” fragt er plötzlich. Häh? Mauer? Was will der denn von mir? “Wie bitte?” frage ich, und hoffe, dass er die Frage noch mal wiederholt. “Na weil du dich da geritzt hast…” antwortet er. Ich möchte ihn fragen, was das jetzt mit einer Mauer zu tun hat, doch in diesem Moment geht die Tür auf und eine Frau steckt den Kopf in unser Abteil. “Ist hier noch frei?” fragt sie. Wir antworten beide mit Ja und die Frau nimmt neben mir Platz. Der Typ schweigt. Ich mustere ihn unauffällig. Nein, da sind keine Narben auf seinen Armen. Vielleicht hat er eine große Schwester, die sich selbst verletzt. Oder eine Freundin. Oder einen Freund. Jedenfalls scheint er zu wissen, dass man so etwas nicht in der Öffentlichkeit diskutiert- immerhin hatte er ja gewartet, bis seine Schulkollegen das Abteil verlassen hatten, um mich darauf anzusprechen.

Er steigt an der selben Station aus wie ich. An einer Rolltreppe sehe ich ihn nochmal kurz, danach verschwindet er in der Menschenmasse.

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